Vielleicht liegt es an meinem Sternzeichen Zwilling, vielleicht auch nur an meiner aktuellen Stimmung, dass ich mich von neuen Ansätzen in der Obertonmusik angezogen fühle. In letzter Zeit gefallen mir Mischungen westlicher Harmonien mit der Urkraft des Kehlgesangs aus der tuwinischen Steppe.  Ich weiß authentische Nomadenkultur und Musik sehr zu schätzen. Sie passen zum Landschaftsbild der unendlichen Steppen. Westliche Ohren sind aber nicht nur wegen hierzulande hektischeren Lebens, sondern auch wegen unseres vielfältigen Landschaftsbildes mehr auf Abwechslung eingestellt.

Geht es Dir auch so? Nach einer Weile wiederholen sich die Klänge tuwinischen Khöömejs genauso wie die Steppenlandschaften. Saydaş Monguş (Сайдаш Монгуш) aus Tuwa legt hier eine Weltmusikaufnahme von Ödügen Tayga (Өдүген Тайга) vor, die für westliche Ohren leicht verdaulich ist und dennoch die Kraft des Steppenlebens spüren läßt. Diese westlichen Anpassungen kommen auch im Heimatland gut an. Auf meinen Touren durch die Mongolei liefen in den Jeeps ständig Poparrangements mongolischer Melodien, die alle mitsingen können. Inzwischen verbinden sich daher auch meine Erinnerungen an diese großartigen Reisen mit den Klängen. Mir gefällts.

Ödügen Tayga

The Ödügen Tayga is my home
I smell the sedge and grass
The rocky tayga is my home
I smell the junipers and grass

Come, riding your reindeer stag
The feet of the roe doe tied to the saddle
Come, riding your reindeer hind
The feet of the maral doe tied to the saddle

(Englische Übersetzung von TyvaWiki)

Hier noch eine schöne Urfassung des Liedes:

 

Avi Kaplan verblüfft bei der A Cappella Night 2012 an der University of New Hampshire seine Backstage-Zuhörer mit Obertongesang, den er auch öfter während Pentatonix-Konzerten als gefeierte Einlage bringt. Avi Kaplan ist der Basssänger von PENTATONIX, einer a cappella Gruppe, die vor zwei Jahren begannen, bei YouTube mit Abrufen im zweistelligen Millionenbereich von sich Reden zu machen. Inzwischen wurde ihre Musik über eine halbe Milliarde mal allein auf YouTube gehört.

Warum lernen immer mehr Profisänger das Obertonsingen? Vor allem bei a cappella Ensemblen der Topliga trifft man immer öfter auf Sänger/innen, die sich mit Obertongesang befassen (ich schrieb schon von Vox Clamantis und dem Lettischen Rundfunkchor. Weitere Beispiele, wie Hilliard Ensemble, Nordic Voices, Prana… werden folgen). Die Antwort: Es sind die vorteilhaften Nebenwirkungen!

Obertongesang verbessert Gehör und Gesangstechnik

Wer Obertongesang lernt, erfährt eine drastische Verbesserung des Gehörs. Obertöne werden in einem anderen Gehirareal verarbeitet als Grundtöne . Da im a cappella Gesang besonders hohe Ansprüche an eine reine Intonation gestellt werden, sind die körperlich empfundenen Naturintervalle, die das Obertonsingen schult, eine viel tiefere Erfahrung, als die reine Korrektur der Tonhöhe.

Hinzu kommt eine völlig neue Kontrolle des Klangapparates, des Vokaltrakts. Beim Obertonsingen wird eine Feinmotorik ausgebildet, die bisher im klassischen Bereich nicht in solcher Präzision trainiert wurde. Diesen Nutzen vermittelt der Obertongesang auf ganz natürliche Weise schon beim Erlernen der Grundtechnik, ganz unabhängig davon, ob man ihn auf der Bühne einsetzen will oder nur im stillen Kämmerlein.

Obertongesang ist eine noch junge Gesangstechnik, die erst am Anfang ihrer Entwicklung steht. Der klassische Gesang ist ein eher konservatives Genre, das sich neuen Techniken nur zögerlich und nach sorgfältiger Prüfung öffnet. Der Zeitpunkt ist jetzt gekommen. Die junge Generation ist aufgeschlossen für die Vorteile der innovativen Gesangstechnik.

Schneider, Peter ; Sluming, Vanessa ; Roberts, Neil ; Scherg, Michael ; Goebel, Rainer ; Specht, Hans J ; Dosch, H Günter ; Bleeck, Stefan ; u. a.: Structural and functional asymmetry of lateral Heschl’s gyrus reflects pitch perception preference. In: Nat Neurosci Bd. 8 (2005), Nr. 9, S. 1241–1247

Varieté Velociped ist eine Musikkomikergruppe aus Schweden, die aus allerei Dachbodenfunden schöne Musik macht. Der Einfluß diverser Obertonfestivals in ihrer Heimatstadt Lund haben offenbar Spuren hinterlassen. Bei Bengt und Svante sind ab 1:10 gelegentliche Stimmobertöne in den skurrilen Klängen unüberhörbar.

Varieté Velociped sind:

Erik Petersen – Multi-Instrumentalist, der aus allem was klingt Musik herausholen kann.

Bengt Johansson – faszinierender, vielfältiger Musiker mit Haupfach Renaissance-Blasinstrumente, aber mit erstaunlichen Nebenwirkungen.

Svante Drake – er hat mit Mundperkussion weltweit schon viele zum Staunen gebracht. In dieser Gruppe sorgt er für einige klingende Zusatzüberraschungen.

http://www.erikpetersen.se/variete.htm

https://sv.wikipedia.org/wiki/Variet%C3%A9_Velociped

Der russische ethno-ambient Komponist Mapa (Alexey Ivanov) hat für das alte tuwinische Lied „Boodey“ (Sonnel) eine Ambient Fassung geschrieben, interpretiert von der energievollen authentischen Stimme von Radik Tyulyush, jüngstes Mitglied der berühmten tuwinischen Gruppe Huun Huur Tu. Das Hintergrundvideo zeigt Ausschnitte aus dem Film „Home“ von Yann Arthus-Bertrand.

Das berühmte katalanische Volkslied „El cant dels ocells„, durch Pablo Casals spektakulären Auftritt bei den United Nations 1971 im Alter von fast 95 Jahren zu einem Symbol des Friedens und der Freiheit geworden, wird hier interpretiert von The Quartet of Peace in einer berührenden Fassung mit Obertongesang. Das Quartett spielte in der Leipziger Thomaskirche (als Wirkungsstätte Johann Sebastian Bachs bekannt) ein Konzert zu Ehren vierer südafrikanischer Nobelpreisträger, wobei dieses Lied Nelson Mandela gewidmet ist.

Gareth Lubbe, aus Südafrika stammender Bratschist des Quartet of Peace und Professor für Bratsche an der Essener Folkwang-Hochschule, ist ein ausgezeichneter Obertonsänger und Vertreter des westlich-polyphonen Stils. 

Spinnen stimmen ihr Netz wie eine Gitarre. NPR (US National Public Radio) hat diesen witzigen Clip zur Erläuterung einer wissenschaftlichen Publikation der englischen Oxford Silk Group veröffentlicht. Spinnen können am Schwingungsverhalten erkennen, ob sich Beute, Artgenossen oder sogar einen Fehler im Netz handelt. Sie spannen jede Saite ihres Netzes auf einen anderen Ton und können durch Triangulation blitzschnell die genaue Position der Beute erkennen:

 

Andrė Pabarčiūtė ist eine allround Performerin, die mit experimenteller Stimme neue meditative Wege geht und sie vielfältig mit Bühnenshows kombiniert. Obertongesang ist nur ein kleiner Bestandteil ihres umfangreichen künstlerischen Portfolios.

Die Musik zum Film „La Grande Bellezza“ (Die große Schönheit, 2013) von Paolo Sorrentino bedient sich u. a. der Obertongesang-Interpretation von Pérotins „Beata viscera“ des estnischen a cappella Ensembles Vox Clamantis. Beata viscera ist auf der CD Filia Sion enthalten.

Beata_viscera

Beata viscera ist ein Werk des französischen Komponisten Pérotin aus dem 12. Jh und gehört zur frühesten Mehrstimmigkeit in Europa.

Obertongesang verleiht der Komposition eine mystische Stimmung. Natürlich ist Obertongesang nicht Bestandteil der Originalkomposition von Perotin, sondern wurde von Vox Clamantis hinzugefügt. Mir gefällt diese Modifikation sehr, besonders deshalb, weil die Obertöne kontrolliert und musikalisch integriert werden. Sie bilden eine eigenständige Melodie und sind vermutlich nicht, wie weit verbreitet, Zufallsprodukte, sondern ganz gezielt gesungen. Obwohl manchmal die Dur-Terz der Obertonreihe mit der Moll-Terz der dorischen Melodie in Konflikt steht. Ich bringe meinen Masterclass-Studenten bei, diese Konflikte gezielt zu umgehen, es sei denn, sie wären ausdrücklich erwünscht.

Beata viscera hatte übrigens früher schon einmal das Hilliard Ensemble zu einer Neuinterpretation mit dem Saxophonisten Jan Garbarek angeregt (auf der CD Officium).

Bildnachweis: Beata Viscera von Perotin (Wolfenbüttel Digital Library) [Public domain], via Wikimedia Commons.

 

Das deutsche Duo Alien Voices, Kolja Simon und Felix Mönich, hat zusammen mit Steve Schroyder die tanzbare Oberton-CD „QiGong Dancing“ aufgenommen. Die CD benutze ich gern in meinen Kursen zum Auflockern mit Bewegung. Kolja beherrscht einen sehr autentischen Kargyraa und Khöömej Stil. Besonders gut gefallen mir die Obertonduette mit zwei gleichzeitgen Obertonmelodien. Soetwas hört man nur selten. Die CD ist bei Planetware Records erschienen und wird von Silenzio Music vertrieben.