Nur 1 von 20 kann diese Melodie hören – Mach den Test

Lachende Frau hält die Ohren zu
Artikel aktualisiert am 15.08.2017

Dieser Hörtest (er dautert nur 3:20 Minuten) öffnet Dein Gehör für eine zweite Hörebene, die nur ca. 5% der Musiker kennen: das Wahrnehmen von Obertönen. Diese Fähigkeit ist essentiell für das Erlernen von Obertongesang. Und es ist Voraussetzung für die praktische Umsetzung von Gesangs- und Chorphonetik.

2004 fand eine Arbeitsgruppe um Dr. Peter Schneider an der Uniklinik Heidelberg, dass Menschen Klänge unterschiedlich wahrnehmen, jenachdem welche Gehirnhälfte die Verarbeitung des Klangs übernimmt. Sie entwickelten den Heidelberger Hörtest, um herauszufinden, ob jemand eher Grundtöne oder eher Obertöne in einem Klang wahrnimmt. →Hier kannst Du den Heidelberger Test machen

Mein Hörtest ist anders. Er testet, ob jemand eher Vokale oder eher Obertöne in einem Klang erkennt. Im zweiten Teil schult er, die Schwelle zwischen Vokal- und Obertonwahrnehmung zugunsten der Obertöne zu verschieben.

Hörtest

Höre Dir entspannt das erste Tonbeispiel an. Ich singe eine Folge sinnloser Silben auf einen einzigen Ton. Wenn Du darin eine bekannte Melodie aus der Klassik erkennst, dann herzlichen Glückwunsch, Du hast ein ausgeprägtes Obertongehör und gehörst zu den 5% Menschen, die diese Wahrnehmung spontan haben.

Tonbeispiel 1

Fall Du die Melodie nicht hörst, keine Sorge. Am Ende des Hörtests wirst Du die Obertöne hören.

In den nächsten Tonbeispielen entziehe ich der Stimme mehr und mehr Klanginformationen, die vom Gehirn als Bestandteil von Sprache interpretiert werden. Als nächstes singe ich die Silben,  indem ich nur noch den 2. Vokalformanten verändere. Den ersten halte ich unbewegt in tiefer Lage. Die Silben enthalten dann nur noch Ü-Laute, die Melodie wird für einige jetzt deutlicher.

Tonbeispiel 2

Wenn die Melodie jetzt klar wird, Glückwunsch. Hier hören 20-30% die Melodie. Vielleicht ahnst Du die Melodie aber nur und weißt nicht, ob Du sie Dir nur einbildest. Vertraue der Einbildung. Denn Dein Gehör nimmt die Melodie auf, nur ein Filter in Deinem Bewußtsein sagt, dass die Information nicht wichtig ist. Spracherkennung ist viel wichtiger.

Ich will an dieser Stelle die Melodie preisgeben: Es handelt sich um „Freude schöner Götterfunken“ aus der 9. Symphonie von Ludwig van Beethoven. Im Nächsten Tonbeispiel pfeife ich sie tonlos. Dann lernt Dein Gehirn besser, worauf es hören soll. Höre Dir danach nochmal Tonbeispiel 2 an.

Tonbeispiel 3

Geht es besser? Falls nicht, höre Dir das nächste Beispiel an.

Im Tonbeispiel 4 lasse ich die Konsonanten weg. Jetzt hat das Broca-Zentrum, die Gehirnregion für Spracheerkennung, nichts mehr zu tun und gibt die Höraufmerksamkeit an andere Regionen ab.

Tonbeispiel 4

Jetzt sind etwa 60-80% dabei. Wenn Du die Melodie hier nicht hörst, bist Du wahrscheinlich auch im Heidelberger Hörtest als Grundtonhörer eingestuft. Das hat nichts mit Musikalität zu tun. Du bist in Gesellschaft einiger der besten Flötisten, Schagzeuger und Pianisten.

Im nächsten Beispiel verfremde ich den Klang vollständig. Ich senke mit spezieller Zungenstellung den dritten Formanten um 2 Oktaven ab, bis er dieselbe Frequenz hat, wie der zweite. Dadurch bildet sich eine Doppelresonanz, die in der deutschen Sprache nicht vorkommt.

Tonbeispiel 5

Die Technik nennt man Obertongesang. Dem Gehör fehlen jetzt Informationen aus dem gewohnten Stimmklang, und einzelne Teiltöne werden durch die Doppelresonanz so laut, dass das Gehirn die Klänge trennt und dem Bewußtsein mitteilt, es handle sich um zwei Töne.

Wahrscheinlich hörst Du jetzt eine flötenartige Melodie und die Stimme. Obertongesang ist eine akustische Täuschung. Denn in Wahrheit hörst Du mehr als 70 Teiltöne. Die physikalische Realität und die Wahrnehmung stimmen selten überein.

Im letzten Tonbeispiel gehe ich den gesamten Weg rückwärts bis zum Anfang. Versuche, den Fokus die gesamte Zeit auf der Melodie zu lassen. Höre Dir das Tonbeispiel 6 ruhig öfter an, es trainiert das Obertonhören und macht Dich in der Wahrnehmung der Klangdetails sicherer.

Tonbeispiel 6

Unsere Realität entsteht in uns selber. Und sie ist veränderbar.

26 Kommentare
  1. Lore
    Lore says:

    It is easier when you ever heard overtone singing so you know on which you have to concentrate. That’s why I probably heard the welknown melody the second time I played the first example, also by the rhythm. (I’m playing music ). Interesting article!!

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    • Wolfgang
      Wolfgang says:

      Thanks for your comment. I agree with your experience. People with overtone singing training already have a developed overtone ear. I allways start my classes with this hearing test.
      Interesting that some people recognise the melody by rhythm, or think they do. I actually sing all notes with even length to avoid this effect.

  2. Bettina
    Bettina says:

    Nachdem ich das Beispiel tonlos pfeifen gehört habe, habe ich die Melodie auch in den anderen Beispielen gehört, und nicht nur anhand der Rhythmik erkannt. Obwohl mich der Heidelberger test als extremer obertonhörer ausgewiesen hat. Es könnte aber auch daran liegen das ich den test nur stumpf auf dem Handy gemacht habe

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    • Wolfgang
      Wolfgang says:

      Hi Bettina, ein Handylautsprecher bringt vermutlich die Differenztöne im Heidelberger Test nicht so gut rüber, sodass eine Tendenz zum Grundtonhörer nicht so gut diagnostiziert wird. Du kannst den Test ja nochmal an einem Desktop oder mit externem Lautsprecher wiederholen. Würde mich freuen zu hören, ob sich ändert.

  3. Thomas
    Thomas says:

    Wusste es nach 5 Sekunden bei Nr. 1. Da ich überhaupt kein musikalisches Gehör habe, würde mich mal interessieren, ob es noch ein anderes Beispiel gibt.

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    • Wolfgang
      Wolfgang says:

      Hallo Thomas, es haben noch andere danach gefragt. Wenn ich Zeit finde, mache ich noch ein paar Beispiele für die superextremen Obertonhörer 🙂 Man kann den 2. Formanten auch beim Sprechen als Melodie führen. Vielleicht magst Du Dich in meinen Newsletter eintragen, damit Du gleich davon erfährst. Oder abonnierst meine Facebookseite. Du kannst gespannt sein.

  4. Mirjam Mohr
    Mirjam Mohr says:

    Sehr, sehr interessant! Ich habe zunächst diesen Test gemacht und die Meldodie erst bei Beispiel vier gehört. Im Rückwärtsgang habe ich es dann aber bis zum ersten Beispiel gehört und seither bleibt es so – tatsächlich wie bei einem Vexierbild! Danach habe ich den Test von Peter Schneider gemacht und es kam heraus, dass ich ein „leichter Grundtonhörer“ bin – ich habe aber beim nochmaligen Testen festgestellt, dass ich das Gehör irgendwie „umstellen“ kann und tatsächlich statt einer Aufwärts- auch eine Abwärtsbewegung (und umgekehrt) hören kann – ich habe das Gefühl, dass man das richtig trainieren kann, stimmt das? Interessanterweise spiele ich Cello und wäre damit eigentlich ein Obertonhörer – es würde mich interessieren, ob das Ergebnis anders wäre, wenn ich es nicht an meinem kleinen Laptop, sondern mit guter Akustik machen würde!

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    • Wolfgang
      Wolfgang says:

      Das ist ein interessantes Ergebnis. Cello spricht laut Peter Schneider eher für Obertonhörer. Aber auch ich kann mein Gehör ganz leicht umstellen. Ich schätze, dass man das Umschalten trainieren kann. Es gibt das berühmte Vexierbild einer rotierenden Tänzerin, die mal rechtrum und mal linksrum dreht. Da kann ich auch leicht wechseln. Probier das mal.

      Die Differenztöne, also das, was Grundtonhörer wahrnehmen, sind etwas besser auf guten Lautsprechern zu hören. Da aber alle Töne im Bereich der Sprache liegen, sollte auch ein Labtop schon brauchbare Ergebnisse liefern, wenn die Lautsprecher nicht gerade Handyniveau haben.

    • Wolfgang
      Wolfgang says:

      😀 Ich hab mich noch nie gefragt, was mir ein Hör-Abenteuer nutzt. Ich genieße und kann mich dann nicht satt hören.
      Und, ja, man kann es lernen. Und das lohnt sich nicht nur für den gesteigerten Hörgenuss, andere Sinne verfeinern sich mit, so als ob die ganze Weltwahrnehmung sich in den Sinnesgenuss vertieft und vom denkend bewerteten zurückzieht. Für mich ist die Erfahrung selbst es wert.

  5. Max
    Max says:

    Keine Ahnung ob das sein kann – aber ich (ggf. kommt es mir ja nur so vor…) höre die Melodie mit dem linken Ohr viel deutlicher heraus als mit dem rechten. Mit dem rechten tue ich mich bei 2 noch schwer, mit dem linken höre ich 1 bereits viel deutlicher. Kann das sein? Ist dies damit gleichbedeutend, dass ich rechts generell schlechter höre oder spielen da ggf. sogar die Hirnhälften eine Rolle?

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    • Wolfgang
      Wolfgang says:

      Da Du es so erlebst, ist es so. Rechtes und linkes Ohr hören immer unterschiedlich. Die meisten meiner Schüler hören Obertöne besser links. Telefonierst Du auch links? Ich glaube nicht, dass es mit den Hirnhälften zu tun hat. Die Ohren sind anders verdrahtet als die Gliedmaßen. Anders hören heißt übrigens nicht, schlechter zu hören. Obertonhören ist auch nicht besser als Grundtonhören. Nur eben anders.

  6. Christian H.
    Christian H. says:

    Hochinteressant. Ich habe die Melodie erst bei Beispiel 4 gehört, im Rückwärtsgang dann aber gut bis Beispiel 2 und bei Beispiel 1 als Ahnung. Die Wahrnehmung verschiebt sich deutlich. Ich habe vor ca. 20 Jahren eine Zeit lang E-Gitarre gespielt und höre seit Kindertagen viel und auch intensiv Musik allerlei Stilrichtungen.

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  7. Denise
    Denise says:

    Schöne Idee und tolle Umsetzung!! Auch wenn ich persönlich seeeehr wenig mit Musik zu tun habe, war es ein spannender Test! 🙂
    Vielen Dank für die Mühe!

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  8. Gundula Mann-Zizka
    Gundula Mann-Zizka says:

    Sehr interessant, ich war mir sofort sicher „Freude schöner… „erkannt zu haben , aber beim ersten Beispiel wegen des Rhythmus . Beim zweiten Beispiel war ich mir dann sicher. ( ich singe übrigens viel ( mittlerweile wieder Alt) undspiele Klavier und Orgel.

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  9. Barbara
    Barbara says:

    Servus Wolfgang.
    Wenn man schon Erfahrung mit Obertönen hat, dann hört man es gleich beim erstenmal, oder?
    Lieber Gruss
    Barbara

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  10. Katrine Kleingarn
    Katrine Kleingarn says:

    Empfand ich ebenfalls wie der zu lesende Kommentar .Ein neues Wahrnehmungstürchen öffnete sich mehr und mehr .☆☆☆☆ Das ist es .

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  11. Erik
    Erik says:

    Toll gemacht!
    Es ist einfach faszinierend, wie Du den Ton immer klarer und klarer werden lässt…
    Ich wäre froh, wenn ich solch eine (Ober-)Tonfolge so klar hervorbringen könnte!

    ach, und nachdem ich den Heidelberger Test erstmal kapiert hatte bekam ich mitgeteilt daß ich einabsoluter Obertonhörer sei.

    Vielen Dank!

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