Kuriositäten

Zweistimmig auch ohne Obertongesang

Techniken mit zwei oralen Schallquellen

Kombiniert man Lippenvibration, wie beim Tubaspiel, mit der Singstimme, dann entstehen zweistimmige, durch Differenztonbildung manchmal auch dreistimmige Effekte.

Mit Döme teilte ich die Künstlersuite auf dem Didgeridoofestival in Israel. Ein unglaublicher Beatboxer, der ständig Neues erfindet. Ich durfte ihn bei dieser Übung filmen, wo er mit Lippen-Stimm-Kombinationen spielt, in denen er gezielt Differenztoneffekte nutzt.

Der amerikanische Vokalkünstler Bobby McFerrin demonstriert die Lippentechnik in seinem Stück Drive noch mit zusätzlicher Glottis-Basedrum.

Der australische Comedian Jason Thompson verwendet eine Vibration zwischen Wange und seitlicher Zunge (Donald Duck Stimme), um einen zusätzlichen Ton zu erzeugen.

Der ehemalige Bass und Mundperkussionist der Swingle Singers, Simon Grant, führt hier eine hochvirtuose Fassung von Bachs Badinerie aus BWV 1067 mit einer Technik vor, bei der er gleichzeitig Pfeift und singt.

Multiphone Techniken

Biphonie – das Phänomen, dass zwei Frequenzen gleichzeitig auf den Stimmbändern entstehen – ist im Gegensatz zu Obertongesang tatsächlich multiphon. Bisher habe ich keine Arbeiten finden können, die zeigen, was an der Glottis passiert.

In Studien wird die Technik manchmal Diplophonie genannt. Biphonie und Diplophonie werden manchmal synonym gebraucht. Aber ich halte die Unterscheidung von Nwka und Wirth (Nawka, Tadeus, und Günter Wirth. Stimmstörungen: für Ärzte, Logopäden, Sprachheilpädagogen und Sprechwissenschaftler ; mit 30 Tabellen. Köln: Dt. Ärzte-Verl., 2008.) für sinnvoll, nach der Diplophonie das Phänomen des Strohbass beschreibt. Sehr ausführlich wurde das Thema bei Fuks behandelt (Fuks, Leonardo. „PhD Thesis in music acoustics: FROM AIR TO MUSIC – Acoustical, Physiological and Perceptual Aspects of Reed Wind Instrument Playing and Vocal-Ventricular Fold Phonation“. KTH, 1998.).

Der griechisch-italienische Sänger DEMITRIO STRATOS hat seine Obertonkunst Diplophonie und Triplophonie genannt. Dabei handelt es sich überwiegend um die klassische Resonanztechnik des Obertongesangs, ist also eine dritte Definition des Begriffs.

Lalah Hathaway singt in diesem Beispiel von der Snarky Puppy’s live DVD/CD – „Family Dinner – Volume One“ zwei simultane Töne in unterschiedlichen Intervallen (06:12): 2x Große Sekunde, kleine Terz und große Terz, passend zum musikalischen Kontext. Sie kann offenbar beide Töne getrennt steuern.

In der Klanganalyse (Overtone Analyzer) sieht man, dass die von Lalah Hathaway erzeugte Doppeltöne so gut wie keine eigenen Obertöne enthalten, also fast Sinustöne sind. Die Intervalle entsprechen keinen natürlichen Obertonintervallen, sind also harmonisch voneinander unabhängig.

Mavis Poole (SWAN) singt sogar einen Ausschnitt aus dem berühmten Blumenduett aus Léo Delibes Lakmé. Unglaublich!

Der amerikanische Jazzposaunist Ray Anderson bringt in „Comes Love“ von seiner CD Wishbone (1991) die multiphone Gesangstechnik zu virtuosen Höhepunkten (04:29). Die witzigen vorherigen Scats sind auch sehr hörenswert.

Phil Minton, Experimental-Sänger aus England, interpretiert hier John Cage’s Mesostics mit Multiphontechnik ab 6:23 Min.

Dieser Knabe zeigt, dass es eigentlich kinderleicht ist.

Und hier zeigen Matt Palmer und Matt Steele, wie man diese Multiphontechnik üben kann. Sie nennen es fälschlicher Weise polyphonen Obertongesang. Es ist aber kein Obertongesang, sondern eine multiphone Stimmbandtechnik.

4 Kommentare
  1. Toni Linke says:

    Hallo Wolfgang,
    eine sehr interessante Website hast du da zusammengestellt. Ich bin, was das Thema Obertongesang angeht, bisher noch nicht besonders tief eingetaucht, beschäftige mich aber als Gesangslehrer für (und begeisterter Hörer von) erweiterte(n) Gesangstechniken (v.a. Jazz/Rock-Verzerrungen, Metal-Screaming, multiphonisches und subharmonisches Singen) seit einigen Jahren verstärkt mit unkonventionellen Stimmphänomenen. Die von Dir genannten Beispiele für die Multiphontechnik sind sehr interessant und gut gewählt, bei den letzten beiden Videos meine ich allerdings, jeweils eine andere Art der Klangerzeugung zu hören. Phil Minton arbeitet offenbar mit einer wesentlich höheren Zwerchfellanspannung als bspw. Lalah Hathaway, ähnlich wie Loriots Opa Hoppenstedt, und beim letzten Beispiel habe ich das Gefühl, dass die beiden YouTuber einfach im Pfeifregister „splitten“, also den zweiten Fundamentalton mit zusätzlichem Vocal Fry bzw. Creaking erzeugen. Ich habe mir mal erlaubt, Dir per Mail eine in den letzten Monaten herangewachsene Übersicht zu den einzelnenen Techniken zukommen zu lassen. Falls Du interessiert bist, kannst du ja mal drüber schauen, auch über Kritik und Anmerkungen würde ich mich freuen!
    Viele Grüße, Toni

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  2. Klaus says:

    habe mit Wolfgang´s Buch und CD den Obertongesang beim Autofahren geübt (die Frontscheibe reflektiert gut, Außenstehende denken, ich bekommen den Mund nicht zu ;o) ) und dachte mehr geht nicht. Auch ich bin inspiriert was noch alles geht. Werde jetzt weiter probieren und mit meinem Kehlkopf, Hals, Zunge und Wangen spielen.
    Vielleicht, eines Tages, stelle ich hier eine Hörprobe ein. Allen Obertonsängern wünsche ich viel Erfolg. Wolfgang, danke für Deine Starthilfe.

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