Artikel aktualisiert am 13.06.2019

Im Oktober 2014 schickte mir überraschend der Komponist den Link zu dem Video. „Der Bootssteg“ von Günther Beckers war 1986 meine allererste Produktion mit Obertongesang. Seit dem hatte ich nichts mehr davon gehört und, ehrlich gesagt, sogar vergessen, dass ich schon damals Musik mit Obertönen gemacht hatte.

1983 stand ich mit Roberto Laneri auf der Bühne bei dem Projekt „Nada Brahma – Die Welt ist Klang“ von Joachim Ernst Berendt. Zum ersten mal im Leben hörte ich Obertongesang und war so berührt, dass mir sofort klar war, dass die Obertöne mein Leben verändern würden. Ich brachte mir daraufhin das Obertonsingen mit vielen Experimenten autodidaktisch bei, ohne die blasseste Ahnung, wie es funktionierte, nur aus der Erinnerung an den Klang, ohne die Möglichkeit, Aufnahmen zu hören. Und Roberto Laneris Telefonnummer konnte ich nicht herausfinden. Es ist erstaunlich, wie aktuell das Werk heute klingt, damals eine experimentelle Innovation.

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In der Aufnahme: Marie-Dagny Wennberg aus Schweden – Alt, Wolfgang Saus – Barton Obertongesang, Mitglieder des Collegium Byzantinum Aix la Chapelle, Studiomix von Miki Meuser, akustische Räume des Instituts für Hochfrequenztechnik der RWTH Aachen. Digitale Kunstkopfaufnahme (auch neu damals).

1986 war für mich ein Jahr aussergewöhnlicher Musikprojekte. Nach einer intensiven mit einem Profiensemble in einer Masterclass des schwedischen Ausnahme-Chorleiters und späterem Nachfolgers von Eric Ericsons, Anders Eby, war mir nochmal klarer geworden, dass das Geheimnis professionellen Chorklangs in den Obertönen liegt.

Ich hatte gerade einen Solovertrag am Stadttheater Aachen für die Uraufführung der Oper „Chimäre“ des Münchener Komponisten Hans-Jürgen von Bose am Aachener Stadttheater erhalten und studierte die schwierige Partitur inklusive mehrstimmiger Tonbandeinspielungen ein. Ich liebte damals Avantgarde und Experimentalmusik und konnte gut vom Blatt lesen, sodass ich neue Musik mit viel Freude einstudierte.

Zeitgleich trat Günther Beckers, Maler und Komponist, mit seiner Komposition „Der Bootssteg – Hallkammer und schalltoter Raum“ an mich heran. Es war meine Partie für Obertongesang. Sie wurde anläßlich einer Ausstellung auf der Bienale in Venedig als Medienproduktion gespielt. 1984 hatte ich bereits mit Günther Beckers gearbeitet und „Anna – ein neuer Mensch“ (Video), eine Co-Produktion von Günther Beckers mit Miki Meuser, aufgeführt (noch ohne Obertongesang). Ich fand das Projekt deshalb so aufregend, weil es genau zu meiner Frage nach dem Klanggeheimnis der Chormusik passte.

Ich hatte damals noch keine Ahnung, ob man mit Obertönen überhaupt gezielt Musik machen kann. Meine Obertontechnik war noch unsicher. Lehrer gab es nicht, bzw. ich kannte ausser Laneri niemanden. 1986 hatte ich noch nicht von Michael Vetter oder David Hykes gehört. Das war eine Herausvorderung, da ich gleichzeitig Chemie studierte und noch in sechs Chören sang und jeden Tag Proben hatte. Jung und nicht zu bremsen, wenn es um Klang ging. Ausser „jung“ hat sich daran nicht viel geändert ;).

Ich freue mich, dass diese Rarität jetzt aufgetaucht ist.

 

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