Artikel aktualisiert am 13.06.2019

Die Musik zum Film “La Grande Bellezza” (Die große Schönheit, 2013) von Paolo Sorrentino bedient sich u. a. der Obertongesang-Interpretation von Pérotins “Beata viscera” des estnischen a cappella Ensembles Vox Clamantis. Beata viscera ist auf der CD Filia Sion enthalten.

Beata viscera ist ein Werk des französischen Komponisten Pérotin aus dem 12. Jh und gehört zur frühesten Mehrstimmigkeit in Europa.

Obertongesang verleiht der Komposition eine mystische Stimmung. Natürlich ist Obertongesang nicht Bestandteil der Originalkomposition von Perotin, sondern wurde von Vox Clamantis hinzugefügt. Mir gefällt diese Modifikation sehr, besonders deshalb, weil die Obertöne kontrolliert und musikalisch integriert werden. Sie bilden eine eigenständige Melodie und sind vermutlich nicht, wie weit verbreitet, Zufallsprodukte, sondern ganz gezielt gesungen. Obwohl manchmal die Dur-Terz der Obertonreihe mit der Moll-Terz der dorischen Melodie in Konflikt steht. Ich bringe meinen Masterclass-Studenten bei, diese Konflikte gezielt zu umgehen, es sei denn, sie wären ausdrücklich erwünscht.

Beata viscera hatte übrigens früher schon einmal das Hilliard Ensemble zu einer Neuinterpretation mit dem Saxophonisten Jan Garbarek angeregt (auf der CD Officium).

Bildnachweis: Beata Viscera von Perotin (Wolfenbüttel Digital Library) [Public domain], via Wikimedia Commons.

 

8 replies
  1. Bernhard Hanreich says:

    Habe dieses Stück heute erst entdeckt. Schon lange wollte ich auch eine derartige Interpretation wagen. Hatte allerdings bisher nicht den Mut dazu. Wunderschön. Kompliment. Kommt an meine Träume nahe heran.

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  2. Viola says:

    …ein Danke auch von mir für Deine Arbeit (war mal bei Dir im Serminar in Leipzig – ich erinnere mich gerne an Deine sanfte Achtsamkeit) und Deine Recherche. Ich “stifte an” zum Singen seit Jahren und nutze selbst Obertöne, wenn ich singe. Auch im Chor üben wir und mein Traum ist es, bestimmte Gesänge ebenfalls mit Obertönen zu kombinieren, z.B. wieder in Halles Wassertürmen. Diese Aufnahme ist wie ein Klangbad…

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  3. Kerstin says:

    Wunderschön. Lausche und die Seele fliegt. Über Grenzen hinweg. Für einen Moment lang hält die Welt inne. Keine Kriege. Nur Frieden und diese wunderbaren Stimmen.
    Trotz Dur im Moll:) sollte diese Musik nicht nach 8Minuten aufhören, sondern ewig währen…
    Großes Dankeschön für das Auffinden dieser musikalischen Schätze, Dein akribisches Zusammentragen, die Recherche, die Hintergrundinfos – für diese gesamte arbeitsintensive Homepage.

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