Olga Podluzhnaya präsentiert ab 1:11 Biphonation, eine einzigartige zweistimmige Gesangstechnik. Eigentlich gehört Biphonation zu den Stimmstörungen. Man nimmt an, dass das rechte und linke Stimmband mit unterschiedlichen Frequenzen schwingen . Hier ist es aber kunstvolle Absicht und keineswegs pathologisch.

Ich hab eine Klanganalyse meiner Lieblingsstelle bei 1:30 bis 1:36 gemacht. Da sieht man ungewöhnliches: Die zwei gleichzeitig erzeugten Töne haben 324 Cent Abstand, zwischen großer und kleiner Terz. Dieses Intervall kommt in der Obertonreihe nicht vor. Es sind also wirklich zwei getrennte Töne. Aber sie haben viel zu viele Obertöne. Die zu erwartenden Obertöne sind als Schema über das Spektrogramm gelegt. Und die sind auch im Spektrum zu sehen. Nur sind dazwischen noch mehr Obertöne, die nicht von den beiden Grundtönen kommen können. Ich habe dafür keine Erklärung. Hat jemand eine Idee?

I. WILDEN, H. HERZEL. 1998. Subharmonics, biphonation, and chaos in mammal vocalisation. Bioacoustics 9, Nr. 3: 171–196. http://doi.org/10.1080/09524622.1998.9753394, .

Die lettische a cappella Gruppe Cosmos (2002 – 2009, 2015…) zeichnet sich durch aussergewöhnliche Klänge in eigenen Arrangements aus, was auch Obertongesang einschließt, wie hier in „Sunrise“ (Saullēkts). Darüber hinaus sind auch ihre Performances bemerkenswert. Mehr auf ihrem YouTube-Kanal.

Gene Shinozaki stimmperformed seine Eigenkomposition Home im YouTube Space New York. Die neue Generation Beatboxer beginnt die Formaten geziehlt einzusetzen – die Kunst der westlichen Obertontonsänger der 2. Generation.

Das Duo The Lady & The Cat mit der Obertonvirtuosin Anna-Maria Hefele und dem Jazzguitarristen Jan Henning bringt hier eine interessante Bearbeitung des Klassikers Over the Rainbow (Der Zauberer von Oz) von Harold Arlen (Text E. Y. Harburg). Der polyphone Obertonsatz von Stuart Hinds aus 2005 diente Anna-Maria als Grundlage ihrer für Frauenstimme modifizierte Fassung. Ich verfolge mit Spannung die Entwicklung meiner ehemaligen Schülerin.

Stuart Hinds schrieb dieses Solostück für unseren gemeinsamen lieben Freund, Jan Šima, der im letzten Jahr unerwartet in jungen Jahren verstarb. Obwohl das Stück sehr emotional ist, ist es nicht als Ausdruck von Trauer gedacht. Es soll vielmehr Raum geben für Erinnerungen und Konteplation.

Jan war ein begeisterter und sehr guter polyphoner Obertonsänger. Er war Mitglied im Europa Obertonchor und im Obertonchor Spektrum, wo wir uns 2002 kennen lernten.

Kehlgesang aus Kalmückien beschränkt sich laut Sven Grawunder auf einen einzelnen begabten Sänger, Okna Tsahan Zam, der den tuwinischen Khöömej für den Epengesang der Kalmücken adaptiert hat. Aus dem Grunde eine besonders hörenswerte Musik des kleinen Turkvolkes am Kaspischen Meer.

Grawunder, Sven. 1999. Die Erforschung eines besonderen Stimmgebrauchs - Obertongesang versus Kehlgesang. Unpublished Diploma, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Halle/S. http://email.eva.mpg.de/~grawunde/KehlgesangversObertongesang.pdf.

Der vollständige Auftritt der Gruppe Violons Barbares mit dem mongolischen Sänger und Morin Khuur Spieler Dandarvaanchig Enkhjargal (Epi) beim Paléo Festival Nyon am 24.07.2015.

Carmina Slovenica -- TOXIC PSALMS / Ultimate collective experience

Carmina Slovenica ist ein Ausnahme-Mädchenchor aus Slovenien, oder, wie sie selber ihre Performances nennen: Vokaltheater. Von gewaltiger choreographischer Kraft präsentieren die Jugendlichen hier eine unfassbare Breite an Gesangstechniken und Chortraditionen, die von estnischen antiken Zaubersprüchen in Vertonung von Veljo Tormis bis zu Obertongesang von Sarah Hopkins reichen. Toxic Psalms von Karmina Šilec wurde 2013 in Berlin uraufgeführt. Absolut mitreißend.

Neben der oben vorgestellten Performance TOXIC PSALMS singen und tanzen/spielen Carmina Slovenica extrem unterschiedliche Programme, darunter auch Obertongesang. Vermutlich ist das Ensemble vielen aber bekannt durch seine spektakuläre Aufführung von Karl Jenkins‘ Adiemus (ohne Obertongesang):

Carmina Slovenica - Adiemus (part 1)