Kargyraa – Kehlgesang

Kraftvoll-rauhe Untertongesangstechnik

Definition

Kehlgesang (Kargyraa) ist eine Gesangstechnik, die einen Tonhöheneindruck eine Oktave unter der Modalstimme erzeugt, indem zusätzlich zu den Stimmbändern die Taschenfalten oder die aryepiglottischen Falten in Schwingung versetzt werden.

Die tuwinische Gesangstechnik Kargyraa ist ein Musterbeispiel des Kehl-Untertongesangs. Kargyraa-analoge Unterton-Techniken gibt es auch in anderen Kulturen. Es gibt bisher keinen einheiltichen Obertbegriff. Leider besteht bei der Bezeichnung Kehlgesang Verwechslungsgefahr: Kehlgesang wird in der Literatur mit vier völlig unterschiedlichen Bedeutungen verwendet:

  1. Kehlgesang = Untertongesang
  2. Kehlgesang = Synonym für Ober- und Untertongesang der Nomaden in Zentralasien als Übersetzung des tuwinischen Wortes Khöömej.
  3. Kehlgesang = kehlig-rauhe Gesangstechniken mit verengtem Kehlkopf (weder Oberton- noch Untertongesang)
  4. Kehlgesang = Obertongesang

Daher verwende ich, um die Technik zu bezeichnen, im Zweifelsfall Unterton-Kehlgesang, Taschenfaltentechnik oder einfach den tuwinischen Begriff Kargyraa.

Untertöne ohne Obertongesang

Yevgeniy Ulgbasev – Khai aus Chakassien

Julia Charkova – Takhpakh aus Chakassien

Ein Belutschen Knabe mit Untertongesang aus Pakistan

Untertöne mit Obertönen

Untertongesang wird in einigen Kulturen mit Obertongesang kombiniert. Die Absenkung des Grundtons durch Untertongesang verschiebt die gesamte Obertonskala nach unten. Dadurch stehen doppelt so viele Obertöne zur Verfügung wie mit der normalen Grundstimme. Frauen können auf diese Weise in der Bass- und Baritonlage singen und identische Obertöne erzeugen, wie Männer.

Zentralasien

In Tuva gibt es die Untertongesangstechnik Kargyraa, die oft mit Obertongesang kombiniert wird. Es gibt Künstler, die ausschließlich das tiefe Register nutzen (vgl. Albert Kuvezin, Yat Kha). Viele (vermutlich die meisten) Untertonkehlgesänge verwenden keinen Obertongesang (s. o.). Kargyraa ähnliche Untertöne gibt es auch in der traditionellen Musik Europas und Afrikas.

Mehr zu Kehl-Obertongesang ->

Afrika

Von den Frauen der Xhosa ist der umngqokolo bekannt, der die Stimmtechnik des Kargyraa mit Obertongesang verbindet. In diesem Fall soger sehr virtuos, weil die Xhosa-Frauen (in einer Bass-/Baritonlage singend!) die Klänge des Mundbogens immitieren und dabei den Grundton ändern und so zwei Melodien zugleich singen (polyphoner Obertongesang). Der Grundton wechselt rhythmisch um eine große Sekunde, während darüber in einer schnelleren Tonfolge eine Obertonmelodie erscheint.

Mehr zu Umngqokolo ->

Tibet

Auch in tibetischen Klöstern gibt es Kehlgesangstile, die Untertöne erzeugen. Es ist mir nicht immer klar, ob die Techniken auf Kargyraa oder auf Strobass beruhen, oder ob vielleicht beide Techniken vorkommen und je nach Sänger verschieden eingesetzt werden. Die mir bekannten Aufnahmen sind in Strohbass gesungen, was man leicht am gelegentlichen Umkippen der Stimme in Normallage erkennt. Die tibetischen Mönche rezitieren meist sehr langsame Texte bzw. Mantren oder Formeln. Oft ergibt sich im Klang eine Dominanz der 10. Harmonischen, weshalb manche Autoren diese Gesänge auch zu den Obertongesängen zählen.

Europa

Bei der paghjella auf Korsika und beim cantu a tenores auf Sardinien gibt es eine rauhe tiefe Stimme, die bassu oder su basciu genannt wird. Sie entspricht technisch dem Kargyraa, wird aber ohne Obertontechniken gesungen. Im klassischen Chorgesang gibt es Kompositionen – z. B. Rachmaninov und Tschaikowsky – die von den Bässen Tiefen bis zu A1 (Kontra A) fordern. Kaum eine deutsche Stimme erreicht diese Tiefe mit Modalstimme (normaler Stimme). Daher wird an solchen Stellen Strohbass gesungen, was nur wenige Experten beherrschen.

Kargyraa

Untertongesang der Turkvölker Zentralasiens

Pseudoglottis beim Kargyraa. Foto Sven Grawunder.

Die aryepiglottischen Falten drücken beim Steppen-Kargyraa an die Epiglottis und erzeugen Untertöne, wenn sie mit der Stimme in Resonanz schwingen.

Beim Untertonsingen in der tuvinischen Kargyraa-Technik gibt es mehrere Stile, die bisher nur wenig untersucht wurden. Eine gute Übersicht gibt die Diplomarbeit von Sven Grawunder.

Beim Steppen-Kargyraa fand Sven Grawunder die gleiche Verengung wie beim Khöömej. Die aryepiglottischen Falten, die diese Verengung bilden, werden beim Singen zusätzlich zu den Stimmbändern in Schwingung versetzt. Es entsteht eine Pseudoglottis, eine zweite Klangquelle. Offenbar erzeugen diese gekoppelten Schwingungen eine Schwinungsperiode mit der halben Frequenz des Singtons und erzeugen so die Obertöne eines Tons, der eine Oktave unter der Singstimme liegt.

Möglicherweise sind hier auch die Taschenfalten unterhalb der Verengung in den Phonationsvorgang einbezogen. Da sie im Bild aber verdeckt sind, kann man das nicht erkennen. Untersuchungen von Tran Quang Hai, mir und anderen zeigen, dass bei Kargyraa-Techniken die Taschenfalten (falsche Stimmlippen) zusammen mit den Stimmbändern ein komplexes Schwingungssystem bilden ohne Einbindung der aryepiglottischen Falten.

Kargyraa lernen

Kargyraa ist nicht ganz ungefährlich zu lernen, da man leicht die Stimmbänder verletzen kann. Man braucht keine tiefe Stimme. Es gibt eine wunderschöne Aufnahme eines 11-Jährigen, der diese Technik singt, auf der CD Tuva von zeitausendeins und die gleiche Aufnahme auf der CD Deep in the Heart of Tuva von ellipsis arts (vgl. CD-Liste tuvinischer Khöömej).

Auch Frauen können damit Bass singen, wie die Sängerinnen der tuvinischen Gruppe Tyva Kyzy und die Kehlsängerinnen der Xhosa eindrucksvoll zeigen. Man singt beim Kargyraa immer eine Oktave höher, als die Stimme klingt. Bei einer langen Lagerfeuernacht zusammen mit der Gruppe Huun-Huur-Tu lernte ich den Ansatz zum Kargyraa aus einem entspannten Räuspern zu entwickeln, indem ich die Vibration tief in der Luftröhre verspürte und den Mund dabei geschlossen hielt.

Steve Sklar hat einen CD-Videolehrgang herausgegeben, den ich empfehle.

Literatur & Quellen

2 Kommentare
  1. Katja
    Katja says:

    Zum Video von Steve Sklar: Die „false vocal cords“ (Taschenfalten) sind aber nicht unterhalb, sondern oberhalb der Stimmlippen. Das Ansinnen ist ja gut, dass die Stimmlippen bei dieser Gesangstechnik nicht mitagieren sollen, um Irritationen zu vermeiden, wie im Video gesagt wird, aber ich halte es quasi für unmöglich, dass die Stimmlippen nicht mitmachen. Oder meint er tatsächlich irgendeine Struktur unterhalb der Stimmlippen, die mir nicht bekannt ist?

    Antworten
    • Wolfgang Saus
      Wolfgang Saus says:

      Katja, danke für Deinen Kommentar. Du hast Recht, die Taschenfalten (false vocal chords) liegen oberhalb der Stimmbänder. Und es ist gerade die Eigenschaft des kargyraa, dass sie mitschwingen. So hat es Sven Grawunder in seinen Arbeiten beschrieben, und so ist es in meinem Video zu sehen.

Dein Kommentar

Willst du zur Diskussion beitragen?
Deine Meinung interessiert mich!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.