Aktualisiert 05.04.2008

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Europa, USA - Okzidentaler Obertongesang

Das im Englischen gebräuchliche “overtone singing” oder “harmonic singing” wird meist dem okzidentalen (westlichen) Obertongesang zugeordnet. In der westlichen Musik wird in der Obertontechnik überwiegend die "normale" Stimme mit Obertönen angereichert. Die Melodie- und Harmonieentwicklung vom Mittelalter bis in die experimentelle Neuzeit ist prägend für diese neue Obertonmusik. Sie entlehnt oft Elemente meditativer Sakralmusik.

Durch die neuartigen Gesangstechniken wurde in der westlichen Vokalmusik, solistisch und auch chorisch, völlig neuartige Klänge entwickelt, deren Potenzial bisher erst in den Anfängen erahnt werden kann.

Entwicklung in Europa

Die Entwicklung des heutigen westlichen Obertongesangs ist letzlich auf einige wenige Musiker zurückzuführen. Erstaunlicher Weise wurde die Möglichkeit, einzelne Obertöne der Stimme so zu verstärken, dass sie als separate Melodie empfunden werden, in Europa erst Ende der 1960er Jahre (wieder?) entdeckt und für die Musik nutzbar gemacht.

Die erste mir bekannte Komposition, die dieses Stimmphänomen ausdrücklich fordert, ist das Vokalwerk "Stimmung" von > Karlheinz Stockhausen (1968), das das Collegium Vokale Köln unter Leitung von Wolfgang Fromme uraufführte. Stockhausen gibt in seiner Komposition eine ausfühliche Anleitung zur Gesangstechnik, aufbauend auf einem phonetischen Vokalviereck, dem er Obertöne für jeden Vokal zuordnete. Vermutlich entstand die Anleitung ohne Einfluss der erst später bekannt gewordenen ostasiatischen Kehltechnik.

Stockhausen Verlag

Weitere Pioniere des westlichen Obertongesangs sind z. B. der italienische Jazz- und Experimentalmusiker > Roberto Laneri, der deutsche Musiker und Zenmönch > Michael Vetter, sowie sein Bruder > Jochen Vetter, der amerikanische Sänger und Komponist > David Hykes. Die ersten Aufnahmen westlicher Obertonkunst erschienen Anfang 1980. Zu etwa gleicher Zeit wurden in Amerika zum ersten Mal Gesänge Tibetischer Mönche einer breiten Öffentlichkeit zuglänglich gemacht. Der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman machte durch sein Interesse an dem Land Tuva in Zentralasien auf tuvinischen Kehlgesang aufmerksam und brachte dadurch letztlich über seinen Freund Ralph Leighton die ersten Khöömij-Sänger nach Amerika [vgl. Friends-of-Tuva].

Richard Feynman auf Wikipedia
Friends-of-Tuva

Seit Anfang 1990 findet nun eine stete Entwicklung des Obertonsinges und der Bekanntheit dieser Musik in der westlichen Welt statt. Vor allem junge Musikensembles aus der Mongolei und Tuva verbreiten seit 1990 in gut besuchten Konzerten die faszinierende Kunst des Khöömij, der zentralasiatischen Form des Obertongesangs. In Europa entstehen begeisterte Singkreise und Obertonchöre.

Obertöne und Gregorianik

Jüngere Ansätze zu Interpretationen romanischer und frühgotischer Musik, sowie die Beschäftigung mit der Raumakustik kirchlicher Bauten dieser Zeit, legen nahe, dass Kenntnisse über Obertöne bereits den Quellen der Gregorianik und Byzantinik zu Grunde gelegen haben könnten. Insbesondere ist die hohe Musikalität der Geometrie der Bauwerke Anlaß zu solchen Vermutungen (vgl. “Die Geheimnisse der Kathedrale von Chartres”, Louis Charpentier, Gajaverlag Köln). Es gibt allerdings keinerlei schriftliche Quellen, wie mir Prof. Iegor Reznikoff in einem Gespräch mitteilte, die Obertongesang oder Stimmobertöne mit Gregorianik in Verbindung bringen. Erste Erwähnungen von Obertongesang finden sich erst ab dem späten 15. Jh., z. B. in Johannes Tinctoris’ Werk “De inuentione et usu musice” (für weitere Hinweise siehe Buch&CD “Oberton singen”) und sind dort eher als Randerscheinungen und Kuriosität beschrieben.

In dem Maße, wie Sänger alter Musik ihr Ohr für Obertöne schärfen, entstehen allerdings mehr und mehr Aufnahmen mit enormer Präzision von Aussprache und Timbre. Die Folge davon sind deutlich abgezeichnete Obertonlinien einzelner Stimmen, die sich gelegentlich zu einer eigenen Melodie vereinen. Interpreten wie Iegor Reznikoff, Hilliard Ensemble und andere machen das in ihren Aufnahmen deutlich. Eine genau übereinstimmende Aussprache von Vokalen ist dann gegeben, wenn exakt die gleichen Obertonverstärkungen in den Stimmen vorliegen, was bei gewöhnlichem Chorgesang nie der Fall ist.

Ein spannender Aspekt der Bewußtheit von Obertönen im Sprachtimbre ist der, dass man bei einer vokalkontrollierten Singweise, wie sie heute üblich ist, die Vokalformanten unabhängig von der Tonhöhe konstant hält. Die Obertöne bleiben für jeweils einen Vokal sozusagen eingefroren, die Zungenstellung verändert sich nicht mit der Tonhöhe. Ein geschulter Obertonhörer nimmt diese Singweise als konstante Obertöne über einer bewegten Grundtonmelodie wahr. Die Intervalle der dominanten Vokalobertöne zum jeweiligen Grundton ändern sich also beim Tonwechsel.

Ich möchte an dieser Stelle vorschlagen, eine obertonkontrollierte Singweise zu diskutieren. Dabei werden die Obertöne in Bezug zur Melodie gesetzt bzw. mit der Melodie parallel geführt. Der Sänger wählt eine Vokalfarbe mit einen klanglich zum Hauptton passenden dominanten Oberton aus und behält das entsprechende Intervall bei Tonwechseln bei. Das führt zu einer Aufhellung des Vokals, wenn die Melodie in die Höhe geht, und zu einer Abdunklung bei tieferen Tönen. Der Gesang mutet dadurch stärker “mittelalterlich” oder “arabisch” an.

Interessant ist, dass das Intervall aus dominantem Oberton und Grundton bei ein und derselben Vokalfarbe bei verschiedenen Grundtönen unterschiedlich ist. Ein Obertonsänger hört den Vokal “u” auf a’ und auf f’ gesungen als unterschiedliche Intervalle. Wenn man sich für die Klangfarbe eines Vokals auf ein bestimmtes Intervall festlegt, dann entsteht plötzlich ein absoluter Bezug von Aussprache zur Tonhöhe.

Prinzipiell wäre es möglich, über Aussprache eine absolute Tonhöhe zu Texten zu finden. Bisher geben die frühen Neumen- und Notenschriften keinen Aufschluß über die tatsächliche Tonhöhe, in der gesungen wurde. Ein Kammerton und sein Bezug zum Notensystem war seinerzeit ja noch nicht bekannt. Da der Einfluss der muslimischen Kultur auf die europäische Wissenschaft, Philosophie, Architektur und Kunst im ersten Jahrtausend groß war, halte ich eine Diskussion “arabischer” Vokalfärbung in der frühen mittelalterlichen Musik für naheliegend.

 

Stile

- Westlicher Stil
- Asiatischer Khöömej
- Untertongesang

 


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