Obertongesang

Die Kunst, zwei Töne zugleich zu singen

Es ist schon faszinierend, wenn ein einzelner Mensch zwei Töne gleichzeitig singt. Zwei Oktaven über der normalen Stimme entsteht ein zweiter flötenartiger Ton, der kristallklar und kaum ortbar im Raum zu schweben scheint. Der Klang erinnert an eine Glasharfe, exotisch und doch merkwürdig vertraut. Er berührt auf eigentümliche Weise, wirkt beruhigend und ist fast körperlich spürbar.

Hörprobe aus Pianoo – Harmoniversum

Stimme besteht aus zwei Melodieinstrumenten

Unsere Stimme besteht aus 2 Instrumenten:

  1. Der Primärklang (Sington) wird im Kehlkopf gebildet und besteht aus einem Akkord von Teiltönen (Sinustönen) plus Geräuschanteil.
    Er erzeugt die Grundtonhöhe.
  2. Die Resonanzen im Vokaltrakt (Mund, Rachen, Nase) modulieren die Lautstärken der Teiltöne. Sie erzeugen die Klangfarbe. Beim Obertongesang erzeugen sie die Melodie aus Obertönen.

Stimme = Primärklang + Resonanz

Das entspricht dem klassischen Quelle-Filter-Modell der Stimme. Neu ist jedoch, dass beim Obertonsingen die Resonanzen als zweites Melodieinstrument eingesetzt werden. Dass Resonanzen tongenau gestimmt werden können, ist im Allgemeinen nicht bekannt und wird in der klassischen Gesangspädagogik nicht gelehrt.

Erstes Instrument – Akkord aus Obertönen

Teiltonakkord von c mit Spektrum und SpektrogrammObertöne sind ein natürlicher Bestandteil der Stimme. Sie klingen in der Stimme immer mit. Ein normaler Sington besteht aus einem Bündel von Teiltönen (zum Unterschied Teilton / Oberton siehe hier).

Dieses Bündel bildet einen speziellen harmonischen Teiltonakkord, den wir normalerweise als Ton mit einer Klangfarbe hören. Die Klangfarbe entsteht durch die Lautstärkeverteilung der Teiltöne. Die Lautstärkeverteilung im Bild ergibt z. B. den Vokal ä.

Wird ein Oberton nun wesentlich lauter als seine Nachbarn, dann wird er plötzlich als getrennter Ton wahrgenommen. Beim Obertongesang geschieht genau das. Man nutzt dabei extreme “Vokale”, die in der Sprache nicht vorkommen. Obertongesang ist in gewisser Weise eine akustische Täuschung, denn es wird ja tatsächlich nur ein Ton gesungen, der sich jedoch wegen einer extremen “Aussprache” wie zwei Töne anhört. Man könnte aber auch sagen, er ist eine aktustische Enttäuschung: Denn der Ton besteht ja aus vielen Tönen, und jetzt hören wir zumindest schonmal zwei davon, den Grundton und den verstärkten Oberton.

Zweites Instrument – Resonanztöne

Der Mund- und Rachenraum vom Kehlkopf bis zu den Lippen wird auch Vokaltrakt oder Ansatzrohr genannt. Wie jeder Hohlraum, hat der Vokaltrakt Eigenresonanzen. Diese Resonanzen sind Tonhöhen, die sich mit der Form des Mundraums ändern. Die Resonanzen verändern die Lautstärkeverteilung der Teiltöne im Sington. Dadurch entstehen Vokale. Dass aber die Resonanzen als Melodieinstrument genutzt werden können, ist als Konzept völlig unbekannt.

Der Trick: Doppelresonanz

Das Geheimnis des Obertongesangs ist eine Doppelresonanz – das Zusammenlegen von zwei Resonanztönen. Das kommt in der deutschen Sprache nicht vor. Deshalb ist Obertongesang auch nicht so leicht von allein zu entdecken, obwohl es eigentlich “nur eine spezielle Aussprache” ist.

Betrachtet man die Resonanzen genauer, so findet man, dass die unteren drei Resonanzfrequenzen willentlich verschoben werden können. Normale Vokale werden durch Variieren des 1. und 2. Resonanztons durch Mund-, Lippen- und Zungenbewegungen gebildet. Dabei haben die beiden Resonanztöne immer unterschiedliche Tonhöhen.

Anders beim Obertongesang: da wird der 3. Resonanzton, der sich beim Sprechen kaum bewegt, hinzugezogen und mit dem 2. Resonanzton auf eine Tonhöhe zusammengeführt.

Doppelresonator

Der so erzeugte Doppelresonator wird nun sehr präzise auf einen einzigen Teilton gestimmt. Der Effekt: dieser Teilton wird wesentlich lauter und erzeugt dadurch den Eindruck, als würde man zwei Töne hören. Wandert man mit dem Doppelresonator von Teilton zu Teilton, entsteht so eine Obertonmelodie.

Obertonsänger erzeugen also die Melodie mit der Form, nicht mit den Stimmbändern. Der 2. Resonanzton steuert dabei die Tonhöhe. Der 3. Resonanzton dient der Verstärkung.

Dieser Doppelresonator kann über mehr als eine Oktave variiert werden. Die meisten Obertonsänger wissen nichts davon. Sie können trotzdem gut Obertonsingen, weil sie über lange Zeit intuitiv gelernt haben, die Resonanzen zu steuern. Wer allerdings die Zusammenhänge kennt, lernt das Obertonsingen wesentlich schneller und kann das Obertonsingen ganz gezielt optimieren. Wenn Du einen Lehrer für Obertongesang suchst, achte darauf, dass dieses Hintergrundwissen vorhanden ist. Das spart Zeit und Geld.

Doppel-Formanten

Rachenzunge regelt den 2. Resonanzton

Schnittbild vom Kopf mit Resonanzräumen

Die Rachenzunge steuert den 2. Resonanzton (2. Formant), der Raum unter der Zunge den 3. Resonanzton. Ziel beim Obertonsingen ist es, die beiden Resonanztöne exakt aufeinander zu legen und gleichzeitig einen Oberton zu treffen.

Bei Untersuchungen am Universitäts-Klinikum Aachen fanden wir heraus, dass die Rachenzungenbewegung zusammen mit dem Kehldeckel die Obertöne kontrolliert (Matern, Neuschaefer-Rube, Saus, Kob, 2000).

Probiere es mal: Laß die Zunge leicht aus dem Mund heraushängen und sprich mit Knarrstimme und unbewegten Lippen das französische Wort oui oder das englische we aus, am besten in Zeitlupe. Und dann rückwärts, das englische you. Der Vokalübergang i-u und u-i in diesen Worten wird durch die stillgelegte vordere Zunge jetzt ausschließlich von der Rachenzunge erzeugt. Wichtig ist, dass du dir für alle Zwischenvokale Zeit nimmst.

Lade Dir den kostenlosen Overtone Analyzer Free herunter und nimm ein Spektrogramm davon auf. Du wirst sehen, dass sich im Spektrogramm dann nur noch der 2. Resonanzton bewegt.

Mundboden regelt den 3. Resonanzton

Den 3. Resonanzton benutzen wir im Deutschen nicht. Deshalb sind die zugehörigen Zungenbewegungen ungewohnt. Wenn Du die Zunge in L-Position hälst, entsteht unter der Zunge ein Hohlraum. Senkst Du jetzt den Mundboden ab und ziehst die Muskeln seitlich neben dem Zungenbändchen zurück, dann entsteht ein Laut, der dem amerikanischen “r” [ ɹ ] ähnelt. Stelle Dir eine kleine heisse Kartoffel unter der Zunge vor. Je größer der Hohlraum ist, desto tiefer wird der 3. Resonanzton.

Mit etwas Übung kann der 3. Resonanzton genau auf den 2. abgesenkt werden, die Grundtechnik des Obertongesangs.

Literatur & Quellen

Einzelnachweise

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1 Antwort
  1. Rol
    Rol says:

    Das ist eine sehr schöne Darstellung! Sehr einleuchtend die Sache mit den Resonanzräumen, die mit der Zunge gebildet werden aufeinander abgestimmt werden. Dazu noch die umfangreiche Literatur- u. Linkliste! Die Hör- bzw. Videobeispiele zeigen einen selten klaren Obertonklang, den Anna-Maria Hefele meisterlich produziert. Und die Polyphonie durch gleichzeitige Steuerung v. Grund- und Oberton habe ich so noch nie gehört. Extrem beeindruckend. Vielen herzlichen Dank und viel Erfolg weiterhin!

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