Ursprünge
Der westliche Obertongesang hat sich Anfang der 1960er Jahre zunächst unabhängig entwickelt. Zu Beginn in der Avantgardemusik gewachsen, gewann er ab den 1990ern größere Popularität, als sich spirituell interessierte Kreise dieser
Gesangskunst zuwandten. Zur gleichen Zeit wurde bei uns auch der asiatische Kehlgesang, der Khöömej, bekannt. Zahlreiche Ensembles wurden in Tuva und Mongolei in den 90ern gegründet und begannen international erfolgreich
aufzutreten.
Gerne wird heute als Ursprung des Obertongesangs der Khöömej aus Zentralasien, dem Gebiet der Turkvölker rund um den Altai, Tuva, Republik Altai und die Mongolei genannt. Das liegt wohl daran, dass der Khöömej etwa zur gleichen
Zeit bekannt wurde, als der Obertongesang der neuen Musik an Popularität gewann. Wegen der zeitlichen Überschneidung wird dabei übersehen, dass sich die Obertonmusik in der okzidentalen Avantgarde parallel zum Bekanntwerden der
Kehlgesänge Asiens in einer ganz eigenen Tradition entwickelte.
Karlheinz Stockhausen und Michael Vetter haben nach eigenen Angaben den Obertongesang ohne Kenntnis des Khöömej entwickelt bzw. diesen erst Jahre später entdeckt. Andere Pioniere wie David Hykes oder Peter Michael Hamel haben
Khöömej gekannt und frei intepretiert in ihr Werk einfließen lassen.
Ich selber bin zunächst über die experimentelle Musik und dann über einen gemeinsamen Bühnenauftritt mit Roberto Laneri zum Obertongesang gekommen. Die asiatischen Quellen habe ich erst entdeckt, als ich schon einige Jahre
Obertongesang in den Chorgesang integrierte. Obertongesang hat also zumindest für einige maßgebliche Musiker nicht sein Quelle in Asien.
Neben asiatischem Kehlgesang gibt es auch Obertongesang in anderen alten Kulturen, wie in Afrika und Papua Neuguinea. Wären diese ethnischen Gesänge bei uns so bekannt geworden wie die asiatischen, dann würde man womöglich die
Ursprünge dort sehen. Über das Alter der verschiedenen ethnischen Obertongesangstraditionen ist nur wenig bekannt.
In Asien war vor allem durch politische Verhältnisse die Tradition des Obertongesangs lange Zeit behindert worden. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich dort, u. a. unterstützt durch das starke westliche Interesse, eine
Rückbesinnung auf alte Traditionen so weit entwickelt, dass heutzutage eine Identifizierung der eigenen Kultur mit dieser Musik erfolgt. Zahlreiche einheimische Musiker und Wissenschaftler versuchen in Feldforschungen die alten
Traditionen wieder zu beleben. In manchen Gebieten, wie der Republik Altai, sind dennoch einige Gesangsstile vom Aussterben bedroht, weil es nur noch wenige überlebende Lehrer und kaum Schüler gibt.
Unter diesem Gesichtspunkt sind einige Aufnahmen originalen Kehlgesangs, die man hierzulande (und nur selten in den Heimatländern) kaufen kann, als Rekonstruktion einer zentralasiatischen Tradition aufzufassen. In der Mongolei
ändert sich die Situation in den letzten Jahren, und Touristen werden Festivals, Theatervorstellung und heimische CD-Aufnahmen mit Höömii in großer Zahl angeboten.
Entwicklung in Europa
Die Entwicklung des heutigen westlichen Obertongesangs ist letzlich auf einige wenige Musiker zurückzuführen. Erstaunlicher Weise wurde die Möglichkeit, einzelne Obertöne der Stimme so zu verstärken, dass sie als separate Melodie
empfunden werden, in Europa erst Ende der 1960er Jahre (wieder?) entdeckt und für die Musik nutzbar gemacht.
Die erste mir bekannte Komposition, die das Stimmphänomen des westlichen Obertongesangs ausdrücklich fordert, ist das Vokalwerk Stimmung (1968) von Karlheinz Stockhausen (*1928), das das Collegium Vokale Köln unter Leitung von Wolfgang Fromme uraufführte. Stockhausen gibt in seiner Komposition eine ausfühliche Anleitung zur Gesangstechnik, aufbauend auf einem phonetischen Vokalviereck, dem er Obertöne für jeden Vokal zuordnete. Vermutlich entstand die Anleitung ohne Einfluss der erst später bekannt gewordenen ostasiatischen Kehltechnik. Stimmung und das nachfolgende Werk Sternklang (1971) haben auf den westlichen Obertongesang einen deutlichen Einfluß ausgeübt.
„Odna“ op. 26, 1930 von Dmitri Schostakowitsch
(*1906, †1975) als Musik zum gleichnamigen Film geschrieben, enthält ein Passage für asiatischen Khöömej-Sänger. Das Werk blieb für den Obertongesang ohne wesentlichen Einfluß, weil es lange verschollen war und erst 2003 rekonstruiert wurde.
Pioniere des westlichen Obertongesangs sind z. B. der italienische Jazz- und Experimentalmusiker Roberto Laneri, der deutsche Musiker und Zenmönch Michael Vetter, sowie sein Bruder Jochen Vetter, der amerikanische Sänger und Komponist David Hykes, der inzwischen verstorbene italienisch/ägyptische Experimentalsänger Demitrio Stratos. Die ersten Aufnahmen westlicher Obertonkunst erschienen Anfang 1980. Zu
etwa gleicher Zeit wurden in Amerika zum ersten Mal Gesänge Tibetischer Mönche einer breiten Öffentlichkeit zuglänglich gemacht. Der Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman
machte durch sein Interesse an dem Land Tuva in Zentralasien auf tuvinischen Kehlgesang aufmerksam und brachte dadurch letztlich über seinen Freund Ralph Leighton die ersten Khöömij-Sänger nach Amerika [vgl. Friends-of-Tuva].
Seit Anfang 1990 findet eine stete Entwicklung des Obertonsinges und der Bekanntheit dieser Musik in der westlichen Welt statt. Vor allem junge Musikensembles aus der Mongolei und Tuva verbreiten seit 1990 in gut besuchten
Konzerten die faszinierende Kunst des Khöömij, der zentralasiatischen Form des Obertongesangs. In Europa entstehen begeisterte Singkreise und Obertonchöre.
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