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Obertongesang als Instrument

Melodie oder Klangfarbe?

Melodie

Melodien werden mit Obertongesangtechnik gesungen. Sie klingen wie eine sphärische Mischung aus Glasharfe und Flöte. Das Tonmaterial ist die natürliche Obertonreihe. Naturmelodien wirken besänftigend und meditativ.

Melodie-Obertöne sind kompositorisch als zweites Instrument zu betrachten. Melodien mit Grund- und Oberton gleichzeitig ermöglichen echte Polyphonie – ein Sänger kann mit sich selbst im Kanon singen. Fließende Übergänge in Vokalobertöne und normalen Gesang sind möglich.

Klangfarbe

Klangfarben werden mit Vokalobertönen gesungen. Wenig bekannt ist, dass man sie bis ins Detail komponieren kann. Vokalobertöne sind das Bindeglied zwischen Sprache und Obertongesang (Chorphonetik). Synchrone Klangfarbenwechsel sind ein neues Stilmittel für die Chormusik.

Andere Klangflächeneffekte ergeben sich, wenn ein Chor mehrere Obertonmelodien durcheinander singt. Der Effekt wird oft als lebendiger Sythesizer-Sound wahrgenommen. Es sind fließende Übergänge von Sprache zu Obertongesang möglich.

Tonumfang

Der Tonumfang von Obertongesang ist je nach Singtechnik unterschiedlich. Die NG-Technik ist für tiefere Obertöne geeignet, die Pfeiftechniken L, R und J für höhere. Es gibt für Obertongesang zwei Grenzen: Die absolute Grenze möglicher Frequenzen, und die relative Grenze der Position in der Obertonreihe.

Frequenzgrenzen: Physiologisch bedingt können Obertöne nur von a1 bis etwa d4 (ca. 440 bis 2500 Hz) gesungen werden. NG-Technik: ca. a1 bis h2. L/R/J-Technik: ca. e2 bis d4. Die Grenzen werden durch die Formanten gesetzt, also die Form des Vokaltrakts.

Grenzen der Obertonreihe: Gleichzeitig können nur die Teiltöne 3 bis 16 für Melodien verwendet werden. Klare Obertonmelodien sind den meisten Sängern nur bis zum 12., wenigen noch bis zum 16. Teilton möglich. In Tuwa und Mongolei singt man nicht über den 13. Teilton. Je nach gewünschter Klangfarbe können aber auch Teiltöne bis 20 gesungen werden, die dann starken Grundtonanteil im Klang haben. Die Begrenzung nach oben ist durch die engen Abstände Teiltöne ab 12 und die nach unten durch die Unhörbarkeit des 2. Teiltons bedingt.

Die Kombination aus Beidem ergibt für jeden Grundton einen eigenen Oberton-Ambitus.

Obertonambitus-Noten

Faustregel für Pfeiftechniken

  1. Der tiefste singbare Oberton ist entweder e2 oder der 3. Teilton, je nachdem welcher höher liegt.
  2. Der höchste singbare Oberton ist entweder d4 oder der 16. Teilton, je nachdem welcher tiefer liegt.

Singbare Obertöne – Noten

Diese Übersicht aller singbaren Obertöne in Noten ist ein nützliches Hilfsmittel für Komponisten. Für jeden Grundton, vom großen G im Bass bis zum zweigestrichenen c” im Sopran, sind alle für Melodien geeignete Obertöne in L-/R-/J-Technik notiert.

Schema der Obertöne

Dieses Schema umfasst alle wesentlichen Informationen zum Tonumfang von Obertongesang. Zu den Singtönen (untere Klaviatur) von Kontra H bis zum dreigestrichenen f ist die Obertonreihe senkrecht nach oben abzulesen. Die mit Obertongesang erreichbaren Tonhöhen sind als graue (NG-Technik) bzw. orange (L-, R-, J-Technik) Zone unterlegt. Es sind solche Obertöne gut singbar, die in einer Obertonzone und gleichzeitig zwischen dem 3. und 16. Teilton liegen.

Grundton-Umfang

Grundtonambitus

Ich setze für mich als Untergrenze für die Grundstimme G an. Auf G können klar isolierte Obertöne gesungen werden. Die Obergrenze ist c2, auf dem der Sopran noch die Teiltöne 3, 4 und 5 singen kann. Mit g2 ist dann der Ton erreicht, auf dem nur und gerade noch der 3. Teilton (d4) singbar wäre.

Auf C könnten theoretisch 7 Obertöne gesungen werden, vorausgesetzt, der Sänger bringt in dieser tiefen Lage noch genügend Stimmbanddruck auf, um genügend laute Obertöne zu produzieren. C ist eine Extremlage, die in keiner mir bekannten Komposition vorkommt.

Grundtöne finden

Der Overtone Analyzer macht es ausgesprochen leicht, alle Grundtöne zu jedem beliebigen Oberton zu finden: In der Untertonreihe eines Obertons sind alle Grundtöne enthalten, mit denen dieser Oberton erzeugt werden kann. Alle Untertöne, die im Bereich der gewünschten Stimmlage liegen, können als Grundton für den Ziel-Oberton verwendet werden.

Beispiel 1: Angenommen, in einer Komposition soll c3 als Oberton von einem Bass gesungen werden. Jeder Unterton von c3 kann als Grundton verwendet werden, wenn er im Stimmumfang des Sängers liegt.Der Tonumfang eines Bass liegt ca. zwischen E und e1. Innerhalb dieses Tonumfangs finden sich die 4. bis 12. Subharmonische des Ziel-Obertons e3. Das bedeutet, für ein Bass von den Grundtönen F, F#, G#, A#, c, d, f, g# oder c1 aus das gewünschte e3 als Oberton singen.

Beispiel 2: Angenommen, in einer Komposition soll c3 als Oberton von einem Sopran gesungen werden. Jeder Unterton von c3 kann als Grundton verwendet werden, wenn er im Stimmumfang der Sängerin liegt.Der Sopran hat einen Tonumfang von ca. a bis e3. Innerhalb dieses Tonumfangs finden sich die 2. bis 4. Subharmonische von c3. Die 2. Subharmonische entfällt als möglicher Grundton, weil man c3 als 2. Teilton nicht wahrnehmen würde (siehe oben Abschnitt “Tonumfang”). Also stehen dem Sopran für c3 als Oberton nur die Grundtöne c1 und f1 zur Verfügung.

Soprangrundtöne finden, um c3 als Oberton zu singen.

Grenzüberscheitungen

g#4 ist der höchste Oberton, den ich hört habe. Er wird von den Kehlgesangmeistern Hosoo und Steve Sklar hervorgebracht. Kehlgesang klingt lauter, höher und gepresster als westlicher Obertongesang. Die Obergrenze des 2. Formanten liegt bei d4. Da die Pfeiffobertöne durch die Doppelresonanz des 2. und 3. Formant erzeugt werden, wird wahrscheinlich von Kehlsängern in höchster Lage eine andere Technik verwendet. Ich vermute, dass eine Doppelresonanz des 3. und 4. Formanten erzeugt wird.

Wenige Experten erreichen noch den 24. Teilton. Das Intervall zum 23. ist sehr eng und beträgt nur noch ca. 2/3 Halbton. Soll der 24. Teilton gesungen und dabei d4 nicht überschritten werden, so muss als Grundton G (98 Hz) oder tiefer gewählt werden. Man hat dann die Teiltöne 5 bis 24 zur Verfügung (Teilton 4, das g1, liegt unter der Untergrenze von a1).

Frauen kommen mit der Hälfte aus

Der Vokaltrakt ist bei Mann und Frau fast gleich groß. Formanten und damit die Obertöne haben fast identischen Tonumfang. Die Stimmen liegen aber im Schnitt eine Oktave auseinander. Hohen Stimmen stehen daher weniger Obertöne für Obertongesang zur Verfügung als tiefen. Mann und Frau verfügen beide über die Obertöne a1 bis d4, aber in diesem Intervall liegen unterschiedlich viele Teiltöne.

Vergleich der Obertöne von Bass und Sopran

Während ein Sopran (oben) auf d1 die Obertöne der 2. bis 4. Oktave, also die Harmonischen 3 bis 8 singen kann, stehen einem Bass/Tenor (unten) auf d die Harmonischen 3 bis 16 zur Verfügung. Bei beiden ist der Frequenzumfang der Obertöne in der gleiche, nämlich ca. a1 bis d4. Nur kann der Tenor darin doppelt so viele Obertöne singen wie der Sopran, hat also eine größere Auswahl an Tonschritten. Soprane müssen für Melodien mit engen Intervallen öfter den Grundton wechseln.

Tonlage und Ambitus

C als Grundton: Von C aus hätte man zwar viele Obertöne zur Verfügung, aber ab dem 16. Teilton werden die Intervalle zu eng. C ist für normale Sänger sowieso zu tief, um noch genügend Schalldruck in die Obertöne zu bekommen.
A als Grundton: Auf A kann man schon bis zu 11 Teiltöne singen.
c als Grundton: Auf der mittleren Lage c des Tenor gibt es 12 mögliche Töne.
c1 als Grundton: Im Sopran auf c1 sind noch 7 Teiltöne singbar, diese aber im Bereich der größeren Intervalle. Das kleinste Intervall auf c1 ist der pythagoreische Ganzton.

Die Tabelle zeigt, wie sich die Tonlage auf den Obertonambitus auswirkt.
Teilton
Intervall
Vgl. zum Klavier
Bass
Bariton
Tenor
Sopran
1Grundton0 ctCAcc
21. Oktave0 ct
3Quinte+2 ctg2
42. Oktave0 ctc3
5gr Terz-14 cte2e3
6Quinte+2 cte2g2g3
7kl Septime↓-31 ctg2↓a#2↓a#3↓
83. Oktave0 cta2c3c4
9gr Sekunde+4 cth2d3d4
10gr Terz-14 cte2c#2e3
11ueberm Quarte↓-49 ctf#2↓d#3↓f#3↓
12Quinte+2 ctg2e3g3
13kl Sexte↑+41 ctg#2↑f3↑g#3↑
14kl Septime↓-31 cta#3↓g3↓a#3↓
15gr Septime+12 cth2g#3h3
164. Oktave0 ctc3a3c4
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